Die Nacht der 1000 Stunden



FILMINFO

92 Minuten

Land: Luxemburg, Österreich, Niederlande

Genre: Drama, Krimi

Filmstart: 18.11.2016

Im Verleih von Thimfilm


CREDITS


Regie: Virgil Widrich

Drehbuch: Virgil Widrich

Kamera: Christian Berger

Schnitt: Pia Dumont

Darsteller: Laurence Rupp, Amira Casar, Johann Adam Oest, Elisabeth Rath

Inhalt

Die Familie als Geisterbahn: Der Oscar-nominierte Regisseur Virgil Widrich schickt Laurence Rupp durch eine mysteriöse Nacht der lebenden Toten, in der er nicht nur hinter ein dunkles Familiengeheimnis kommt, sondern sich auch in seine eigene Großtante (Amira Casar) verliebt. Mystery made in Austria, eindrucksvoll zum Leben erweckt von Kameramann Christian Berger.

Eine Familie, eine Nacht, ein Mord und eine verbotene Leidenschaft: Als Familie Ullich zusammentrifft und ihnen dabei ihre verstorbenen Ahnen erscheinen, überschlagen sich die Ereignisse in ihrem Wiener Palais. Während der junge Philip (Laurence Rupp) mit seinem Cousin Jochen (Lukas Miko) um die Kontrolle über das Familienunternehmen kämpft, enthüllen die Vorfahren – allen voran Philips verführerische Tante Renate (Amira Casar) – wie die Ullichs in ihrer Vergangenheit gelebt und geliebt haben...

Wien, jetzt. Erbstreit beim Clan der Ullichs: Philip (Laurence Rupp) soll „Ullich & Cie“, das Traditionsunternehmen, von seinem Vater Georg (Johann Adam Oest) übernehmen. Sogar die notorisch komplizierte Tante Erika (Elisabeth Rath) unterschreibt. Ihr Sohn Jochen (Lukas Miko) ist bei einer rechtsradikalen Burschenschaft, sie möchte nicht, dass er zum Zuge kommt. Doch kaum setzt die Tante den Füllhalter an, bricht sie tot zusammen. Ist das Vermögen in Gefahr? Nicht ganz – Minuten später sitzt sie, als wäre nichts gewesen, wieder am Tisch. Bevor die Ullichs Zeit haben, sich über die scheintote Tante allzu sehr zu wundern, taucht noch mehr Verwandtschaft im Familienpalais auf: Dr. Fritz Wisek (Luc Feit), der schrullige Großvater mütterlicherseits, und seine Frau Marianne (Josiane Peiffer), beide seit 1965 respektive 1990 tot. Großtante Renate (Amira Casar), die unwiderstehliche erste Frau des Großvaters väterlicherseits und Femme fatale, die bereits 1938 unter geheimnisvollen Umständen zu Tode kam. Und Gertrude (Barbara Petritsch), seine zweite Frau, gestorben 1991. Großvater Hermann selbst starb bei einem Bombentreffer gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Angeblich. Philip kann sich mit seinen Fragen zwar direkt an die Protagonisten der Vergangenheit wenden, doch auch Tote sind nicht notwendigerweise ehrlich. Als Jochen die Polizei ruft und ein Gendarm aus der Kaiserzeit (Udo Samel) vor der Tür steht, ist klar: auf das Raum- und Zeitkontinuum ist nicht nur innerhalb des Hauses kein Verlass mehr... In Alfred Hitchcocks „Vertigo“ gibt es eine Szene, in der steht Madeleine, die Doppelgängerin einer Toten, vor der riesigen Scheibe eines 2000 Jahre alten Sekuoia-Baums. Sie legt ihren schwarzbehandschuhten Finger auf die Baumringe und sagt sinnend: „Irgendwo hier bin ich geboren worden. Und da bin ich gestorben. Für diesen Baum waren das alles nur Augenblicke. Er hat keine Notiz davon genommen“. Bernard Herrmanns genialer Score macht den planvollen Trickbetrug zum Horrorfilm für die Ewigkeit. Die Protagonisten von Virgil Widrichs „Die Nacht der 1000 Stunden“ haben ein ähnlich saloppes Verhältnis zur Zeit, in der sie sich bewegen. Denn Widrich erkennt das Offensichtliche: Wien ist Museum seiner selbst – hier führen Stromleitungen in die Vergangenheit und die Tapeten von Wohnungen durch die Jahrhunderte. Da flackert das Kerzenlicht im Spiegel, blicken die Ahnen streng von vergilbten Fotos, schlagen längst kaputte Uhren bedeutungsschwanger, hallen Schritte durchs Stiegenhaus, geht ein Schatten übers Parkett und klappert der Jugendstil-Aufzug. Die Farbgebung erinnert an Dario Argento, ein Revolver mit Perlmuttgriff blitzt aus dem Abendtäschchen, Maske, Kostüm und Ausstattung hatten bei der Geisterbahnfahrt ganz offensichtlich ihr helles Vergnügen, der herrlich nervöse Soundtrack von Siegfried Friedrich bildet den perfekten Rahmen für das gespenstische Kammerspiel. Und Widrich selbst entwickelte für die Spiegelwelt der Vergangenheit ein neues Dreh-Verfahren, das dem Oscar-nominierten Kameramann Christian Berger („Das weiße Band“) als Spielwiese dient.

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